Die Blitze des Frühjahrgewitters erfüllten das Kirchenschiff.
Donner rollten und rumpelten vom Kandel herab über die unruhig schlafende Hochebene um die Vogtei Seelgut. Die Höfe drängten sich an den Hang, die Walmen noch tiefer herabgezogen als sonst, wie Kinder sich die Augen zuhalten und glauben sie seien versteckt. Für eine Weile nicht sichtbar, sei es Freund oder Feind. Nur das hier, das war kein Spiel.
Michael, der junge Novize saß zitternd im Chorgestühl. Auch er hielt die Hände vor Augen, auch er duckte sich weg. Und er wagte sich nicht, durch die Finger zu linsen. Seit jeher machten die Naturgewalten ihm Angst. Aber nun hatte er mehr Angst denn je. In der heutigen Nacht umso mehr, als dass er allein in der Kälte der Kirche seinen Aufgaben nachkommen musste – morgens um nicht einmal zwei Viertel drei.
Den frühen Tagesbeginn war er gewohnt. Sommer wie Winter hatte er auf drei Uhr in die Mette zu wecken und die zwei Glocken hinter dem Choraltar musste er läuten.
Heiße Steinmoggen lagen bereit und wollten unter die hölzernen Fußklappen eines jeden Platzes im Gestühl gelegt sein, noch bevor die Mönche im Chorraum erschienen. So sickerte wenigstens ein klein wenig Wärme durch die wollenen Winterstrümpfe. Manch einer der Brüder sollte wohl die Wärme des Steins dadurch genießen, als dass er die Klappe über die Zeit der Mette nicht schloss. Manchen waren über die Kälte der Nacht die Strümpf‘ an den Füßen gefroren. Wenn man aber nicht Acht gab, und die Kutte verfing sich an der hölzernen Kante, dann schlug sie mit dumpfem Knall zu. Der erbosten Blicke konnte man sicher sein. Und des Raunens von einem der Brüder: „Kannst Du nicht einmal die Klappe halten!?“
Michael neidete ihnen das Vorrecht warmer Füße durchaus nicht. Alle waren zu ihrer Zeit in seiner Stellung gewesen. Auch sie hatten im Winter, noch vor dem Läuten, im Kreuzgang einen Pfad durch den gut zwei, drei Fuß tiefen Schnee schoren müssen. Derlei Aufgaben gab es viele im Noviziat.
Nicht mehr lange und er hätte seine einjährige Probezeit erfolgreich bestanden. Seine Schulung in mönchischer Tugend war hart und entbehrungsreich. Da waren das Öffnen der Kirche, das Aufschlagen der Choralbücher, das Versorgen der Chorlichter am Morgen und Abend und das Beschicken der Öfen noch die kleineren Anweisungen.
Neulich hatte er Pater Waldmeister bruttlen hören, die jungen Konventualen seien darum so schwächlich, als dass die Renovation der Klausur sie verzärtelt und verweichlicht habe. Seither wurden die Zellen beheizt und seien aus seiner Sicht zu wohligen Zimmern verkommen. Es stimmte: zwischen jeweils zwei Zellen sorgte ein bullerndes Feuerchen für angenehmere Temperaturen und konnte doch nicht verhindern, dass im Winter „das Bett ihm ans Maul anfror“, wie Pater Johann es trefflich ausdrückte.
Hier vor dem Hochaltar kam er sich mit seinen Sorgen im Angesicht Gottes plötzlich sehr klein vor. Wenngleich mit irdischen Händen gestaltet, war der Altar ein glänzendes Abbild des mächtigen Throns des einzigen wahren Gottes. Seine Pracht aber schätzte der junge Mann bei Tageslicht mehr als in einer gewittrigen Nacht. Jetzt war er an die unheimliche und strafende Allmacht Gottes erinnert und wünschte den Tag herbei, wenn die Sonne durch die klaren Scheiben der Fenster schien. Dann tauchte alles, Chor sowie Langhaus, in einen goldenen Glanz.
Er saß auf der heiligen Seite des Gitters, in der klösterlichen Klausur. Weit weg von der Welt, schien ihm sein Glaube verzagt, rastlos und klein. Hier in der Stille des kalten Gestühls, da schämte er sich seiner Angst.
Umso mehr schrak er zusammen als eine feste Hand seine Schulter fasste.