Vom Tod

Selbst der Tod merkte auf, als der Hund kam. Er kannte die Anzeichen für Schicksalsschläge jeglicher Art. Kurz und dunkel gesprochene Sätze. Leidenschaftliche Entscheidungen. Manchmal auch bedeutungslose Ereignisse, die den Tod in seiner Gleichgültigkeit herausforderten. Sozusagen die kleinen Dinge des Lebens, soweit ein Sensenmann etwas damit zu tun hatte.

Nicht, dass Er sich gelangweilt hätte. Für ihn gab es immer genug zu tun. Die Menschen liefen ihm hinterdrein, bettelten gar um seine Fürsorge.

Bei ihm brauchten sie nicht lang anzustehen. Wenn sie um seine Dienste anfragten, dann war er immer sofort zur Stelle.

Schließlich besaß er auch keinen Bäckerladen oder verteilte gar Brot an den Pforten der Klöster. Dort standen die Schlangen und Trauben von Menschen. Bei ihm aber kam jeder prompt und sofort an die Reihe. Da gab es kein Warten und auch kein Zaudern.

Deren ertragreiche Schauplätze auf dieser Welt gab es viele. Was kümmerten ihn die Orte eines Gemetzels? Es hatte sie immer gegeben. Das Vergangene war geschehen und das Künftige würde kommen. Sein Handeln beschränkte sich ausschließlich auf Hier und Jetzt.

Ihn kümmerte nicht, ob ein Regent vielgeliebt oder ungeliebt blieb. Er störte sich nicht an den Intrigen und behinderte nicht die Macht der Mätressen.

Die Regenten lieferten stets zuverlässig. Ja, jedoch niemals ließ er sich von ihnen blenden. Sicher, immer wieder versuchte es einer. Und selbst in den Klöstern fiel man darauf herein.

Wenn Mönche in einer Gruft Geheimnisse teilten, dann hörte der Tod aufmerksam zu. Das lag sozusagen in der Natur so einer Grabstätte. Einer lehnte gar an einer seiner Grabplatten und gewährte damit dem Tod einen Blick in sein Innerstes. Danach hätte Er die Stunde vorhersagen können.

Wie einfältig waren diese frommen Geschöpfe. Sie begriffen es nicht. Der langsame Tod – damit war er ja wohl gemeint – schlich sich ganz sicher nicht von Frankreich her an. Wie blind musste man sein? Gewiss, die Franzosen hatten immer geliefert, auf sie war Verlass. Ein Habsburger stand ihnen darin durchaus in nichts nach. Auch wenn man in Kriegszeiten gerne einmal ein Feuerwerk an Ablenkungen entfachte.

Der Tod war sich sicher, dass die neuen Allianzen die alten waren. Auf den Äckern und Feldern schlugen sich Menschen die Köpfe ein, und er nahm sie alle zu sich. Ihn scherte es nicht, dass man zur selben Stunde in Wien mit viel Glanz Hochzeit beging?

Er für seinen Teil schaute erst aufmerksam hin, als Isabella von Parma, Gemahlin des Joseph II., mit dessen Schwester, Erzherzogin Marie Christine, das Bett teilte. Es waren solche Geschichten, die ihm frische Kundschaft versprachen.

Nach und nach umarmte er ihre Fehlgeburten und später die lebenden Kinder. Schließlich reichte auch sie ihm die Hand.

Wie war Er jetzt noch gleich darauf geko…?

Ach ja, die Mönche in jenem Gewölbe. Ihnen fehlte die richtige Sicht auf die Dinge. Sie sahen dasselbe wie er, doch sie zogen die falschen Schlüsse daraus. Wenn es soweit war, dann würde er sie überrumpeln müssen. Nur weil sie zu Lebzeiten in eine falsche Richtung schauten! Er würde nicht von Westen her kommen. Seine Auftraggeber saßen in Wien!

So ganz in Gedanken gewahrte der Tod unter diesen zahlreichen Anzeichen, die um seine Aufmerksamkeit buhlten, diesen räudigen Rüden.

Ohne viel Aufhebens streunte der in die Schlafkammer des Simis und machte es sich unter dem Bett des Bauern bequem. Der Tod kannte den Hof noch aus früheren Tagen. Zuletzt schloss sich dort dieses erfrorene Mädchen ihm an. Er hatte sie längst an die Ewigkeit weitergereicht.

Es blieben die kleinen Gesten, wie ein Hund unter einem Bett, die einen besonderen Reiz ausübten. Alles andere war normal. Bald schon und das Sterben auf dieser Hofreite würde eine Fortsetzung finden.

Der Tod war auf alles gefasst. So etwas endete immer bei IHM.