Schreie in Teufels Kuchi

Wollust galt ihm als Todsünde! Und lüstern war er noch immer. Er hatte der Verlockung des Weibes nicht widerstehen können. Wie einst König David – so ging es ihm durch den Kopf – am Abend aufgestanden war von seinem Lager, und sich auf dem Dach des Königshauses erging; als er vom Dach aus eine Frau sich waschen sah; und die Frau war von sehr schöner Gestalt…

Auch Bonifatius konnte sich aus eigener Kraft nicht abwenden. Das Quietschen der Küchentür brachte ihn zur Vernunft. Eilig stolperte er über den Ziegenpfad zur Platte hinauf. Sein Gemächt wollte sich nicht mehr beruhigen. Der steile Anstieg verlangte ihm einiges ab. Weit durfte der Weg nicht mehr sein. Sein letzter Atemzug stand ihm bevor. Mit geplatzten Lungen, so würde man ihn einst finden, um einen Baum gewickelt. Wenn ihn überhaupt jemand fand. Wieder blieb er mit dem Schuh in einem Wurzelwerk hängen und schlug hart mit den Knien auf den gepflasterten Weg. Ausgerechnet. Er fluchte, was er nicht sollte. Der Schuh rollte den steinigen Abhang hinunter und würde im Zwielicht des Waldes nicht mehr zu finden sein. Mit einiger Mühe und blutenden Knien rappelte er sich auf. Warmes Blut lief ihm unter der Kutte in Schlieren das Schienbein hinunter. Der Umhang hatte ein klaffendes Loch. An Beinen und Brust hatte der matschige Boden feuchte dreckige Flecken hinterlassen.

„In diesem Aufzug musst du nun nach deinem Pferd fragen. Du nichtsnutziger Trottel! Wärst du nicht deinen eigenen Eitelkeiten, sondern dem Fingerzeig Gottes gefolgt! Wie ein Gockel hast Du nach der Henne gestiert. Die Augen sind dir aus den Höhlen gefallen! Unwürdig. Ein Mönch willst du sein. Das ich nicht lache!“

Weit konnte es nicht mehr sein. Er strauchelte noch das ein ums andere Mal. Sein linker Fuß schmerzte ihn höllisch. Soweit das bei einem Mönch überhaupt möglich war. Dann endlich sah er die Walmen des rettenden Hofes vor sich.

Ein eilfertiger Knecht gab ihm zu trinken.

Der sattelte dann auch das Pferd. Während er sich am Kirschwasser gütlich tat. Als er den Rappen bestieg, hätte er längst nicht mehr zwischen Erschöpfung und Trunkenheit zu unterscheiden vermocht. Der Knecht schickte ihm nur einen verhaltenen Gruß hinterher. Der hatte wohl im Gutter den kläglichen Sprutz bemerkt, den er ihm gelassen hatte.

Bonifatius fühlte sich dermaßen benebelt, dass er weitestgehend dem Pferd überließ, den richtigen Weg zu finden. Er hatte genug damit zu tun, sich ob seiner Wunden ausgiebig selbst zu bemitleiden. Dann neigte sich langsam sein Kopf nach vorn und er tauchte in eine kirschwässrige Bewusstlosigkeit.

Der plötzliche Halt warf ihn fast aus dem Sattel. Die Arme – fest um den Hals des Pferdes geschlungen – hatten ihn vor einem Sturz bewahrt. Nach all den Stürzen des vergangenen Tages war sein Bedarf danach auch reichlich gedeckt.

„Los du bockiger Klepper, auf! Was stehst du hier herum und starrst in die Nacht? Auf geht‘s, heim in den Klosterstall!“

Doch so sehr er auch schimpfte und dem Tier in die Seite trat, es bewegte sich um keinen Huf vorwärts. Er überdachte sein Vorgehen nochmals und wählte fortan freundliche, ja beruhigende Worte. Vergebens – Es ließ sich nicht überreden weiterzugehen.

Das Pferd senkte den Kopf, bewegte sich aber noch immer nicht weiter. Er musste zu anderen Mitteln greifen. Er sprach ein beruhigendes Vater. Und ehe er sich versah: Der Hengst stieg auf die Hinterläufe. Schlug ihm mit dem Vorderhuf gegen die Brust. Wieherte laut. Und galoppierte davon. Im gestreckten Galopp. Dem Kloster entgegen.

Bonifatius schüttelte benommen den Kopf. Es war nicht sein Tag! Hochmut, Zorn, Völlerei und Wollust, das waren der Sünden für heute genug. Er hatte einiges gutzumachen, wenn er je wieder das Kloster erreichen sollte.

Zunächst aber musste er den Weg dorthin finden. In fast vollständiger Dunkelheit. Und er war kein mutiger Mann. In diesem Gewann lauerte Böses. Da zuckte ein Gedanke durch seinen Kopf, der ihn wie ein Holzhammer traf. Er musste sich direkt in Teufels Kuchi befinden.