Prolog

Noch herrscht Stille am hohen Berg.

Die Nacht nimmt vom Gipfel Besitz. Glänzende Steinschrofen strecken sich stolz dem pechschwarzen Himmel entgegen. Grausam und wild reitet der Wind aus dem Tiefland herauf. Tritt ungezähmten Wolkenfetzen in ihre Flanken und drischt wie irr auf sie ein. Seit jeher trotzt der Berg diesen Gewalten. Seit jeher wird er dafür verehrt. Ein Fürst unter den Bergen, ein Glanz in der Nacht. Und heute nun wird der langen Jahresnacht das Siegesfest der Sonne folgen. Verkrüppelte Tannen, heller als sonst, strecken die dürren Äste wie Geisterklauen zum Tanzplatz aus. Die Nacht der Nächte kann nun beginnen. Der Berg ist bereit.

Aus dem gottlosen Nichts zischen hunderte Schatten im Anflug zum Hohen Fest. Von überall her, im fahlen Licht, „in tausend Teufel Namen!“ Hunderte – auf ihren gesalbten Stöcken. Einzelne – in Kutschen, gezogen von Schimmeln in Weiß und Katzen in Schwarz. Doch alle noch ruhig und gespannt. Vom Hexenmeister geladen zum üppigen Mahl mit Braten und Wein im Überfluss. Stumm, selbst wenn der Böse zugegen ist. Stille – Bis der Tanz seinen Anfang nimmt.

Sie musste den Schutz des Waldes verlassen, wenn sie ihr Kind retten wollte.

Aber die Angst lähmte all ihre Entschlossenheit. Ihr Blick huschte unruhig vom Wegkreuz am Waldessaum, hin zum bleichen Gipfel des Berges. Sie musste den Berg im Auge behalten. Dort oben buhlten mit Kränzen geschmückte Jungfrauen, alte hässliche Weiber und Dämonen in Tiergestalt um die Gunst ihres Meisters. Auf ihren Besen stiegen sie auf zu ihrem Hexenflug. Solange sie still ihre Bahnen zogen, entging ihnen nichts, weder das kläglichste Wimmern noch die geringste Bewegung. Nur nicht weinen!

Kaum spürbar hatte sich das winzige Bündel in ihren Armen gerührt. So als habe es ihre Zweifel, ihr Zaudern bemerkt.

Still, mein Kleines! Noch ist es zu früh!

So wie die Hexen, so musste auch sie auf die Ankunft des Meisters warten. So wie die Hexen, so roch auch sie den Gestank nach Schwefel und Pest, so sah auch sie das leuchtende Rot. Alle Sehnsucht, Hoffnung und Aufmerksamkeit richteten sich auf diesen einen Moment: Dass ER aus den Spalten der Hölle erscheine. Mächtig, bizarr, glühend und stark, gehörnt und abgrundtief böse.

Würde sie dieses Mal ausreichend gerüstet sein? Unentschlossen nestelte sie am Kragen ihres Gewandes. Ihre Hand zitterte. Alle nur denkbaren Vorkehrungen waren getroffen. Die giftigen Weiber auf ihren fliegenden Ruthen sollten ruhig wissen, dass es bei ihr nichts weiter zu holen gab. ER hatte ihr bereits eins ihrer Kinder genommen.

Ein weiteres Mal wollte sie diesen Tribut sicher nicht zollen! Und, bei allen Heiligen, sie hoffte, dass der Schutzzauber hielt, bis sie ihr Ziel erreicht hätte. Wer auch immer sich ihr in den Weg stellen mochte, sie würde kämpfen und töten, wenn nötig mit ihrem eigenen Leben bezahlen. Etwas anderes besaß sie ohnehin nicht. Ihr gehörte, was sie am Leibe trug – und das Kind in ihrem Arm. So wie dieses Kind auf ihre Fürsorge vertraute, so warf sie, hier und jetzt, all ihr Vertrauen auf die Heilige Jungfrau Walburga.

Sicher, auch der Zufall war ihr zu Hilfe gekommen. Böses Gesindel hatte diese Falle gestellt. Der Wagen des Händlers, aus dessen Waren sie dieses kleine, gläserne Fläschchen an sich nahm, war nicht zufällig an der Wegbiegung gestürzt. Für sie war der Inhalt ein Leben wert. Und auch der Händler kam mit dem seinen davon.

Sie vertraute der Kraft dieses Öls. Und sollte die Kraft nun durch ihren Raub schwinden, so hatte sie auch für diesen Fall Vorsorge getroffen. Ein Reif aus Mariengras, Waldmeister und Donnernessel kränzte das Köpfchen des Knaben. Ihr Wissen von Kräutern und Tränken zum gottgefälligen Wohle war alles, was sie ihm mitgeben konnte.

Als sie das Haupt des Säuglings mit Walburgisöl salbte, murmelte sie ihr Gebet:

Heilige Jungfrau Walburga! Getreue Mutter der Armen.

Vergiss nicht mich arme Sünderin. Erhöre mich und mein wehrloses Kind!“

Ja, dieses Kind sollte leben!

Und doch! Ein Blitz zerriss das Dunkel der Nacht und schmerzte in ihren Augen. Noch bevor der Donner die Stille verjagte, tobten die Tänze los. Ein wildes Stakkato von Trommeln, ein Pfeifen, ein Schreien und kreischende Geigen: die Lustgesänge der Hexen! Das Höllentor ward aufgetan!

Die schiere Kraft dieser Gewalten ließ alle Hoffnung in ihren Festen erbeben. Sie erschrak bis ins Mark.

Wenn der Meister erschien, galt alle Aufmerksamkeit ganz allein IHM.

Die ihre galt einzig dem Kind.

Sie musste den Schutz des Waldes verlassen. Kalter Schweiß rann ihr das Rückgrat hinab. Der Wind ergriff ihr schmutziges Haar und zerrte daran, als wolle er jedes einzeln hinunter jagen ins eisige Tal. So wie er den Schopf der nahen Weidbuche erfasste, rupfte und riss, bis der Stumpf knickte und schrie.

Einmal noch zögerte sie. Die waldfreie Bergflanke ließ keine Geheimnisse zu. Sie konnte sich noch so tief bücken.

Jetzt! Ein letzter Blick auf die Türme des rettenden Klosters. Dann rannte sie los.