Der Meistermaler

Der Gesandte des Klosters ritt früh am Morgen auf der Gottschalksgereute durch die Vogtei Seelgut gen Norden.

Die Luft war klar und frisch. Nachtfrost hatte die Matten und Reutfelder mit glitzerndem Reif überzogen. An den Ästen der Sträucher und Bäume sprossten bizarre Gebilde aus Nebeltröpfchen und Kälte. Das Licht der aufgehenden Sonne bestäubte die Welt, als sei sie mit Blattgold überzogen. Der Glanz des anbrechenden Tages pfetzte und blendete den Reiter in seinen Augen.

Der Nebel der Nacht kroch derweil in Richtung der Waldflanken des Kandels davon, hinauf bis zum First. In den Schluchten und Mulden des Heitzmannsberges und Sägendobels würde der Schnee sich noch einige Zeit behaupten. Bis zu dem Tag, an dem die aufkommende Frühlingswärme mit ihrer gewohnten Beharrlichkeit die letzten Reste des Winters aufgeschleckt hätte. Einstweilen lugte dort nach einem harten und langen Winter die schmutzige Grasnarbe der Matten nur spärlich und trübselig aus dem beständigen Altschnee.

Pater Bonifatius atmete tief ein und spürte trotz der eisigen Kälte eine warme Welle des Glücks. Der Herrgott hatte den Tisch gedeckt und er durfte Sein Zeuge sein!

Matten und Weiden stemmten sich dem Lichte entgegen. Die satte Krume der frisch gepflügten Äcker wartete ungeduldig auf die segnende Frucht. Vereinzelt nur lag ein schläfriges kleines Stück Wald. Dort, nah beim Kloster, der Scheuerwald und weiter entfernt, hinter dem Sauwasen, der Renkenwald. Der fiel hinab in die Schlucht bis an den schäumenden Glotterbach, der seit dem dritten Tage der Schöpfung einen Spalt in die Gneisblöcke des aufragenden Höhenzugs nagte. In den Wipfeln der hoch aufstockenden Bäume spielte ein leichter Wind und schubste kalt flirrende Funken in Schleiern hinab in die schläfrige Tiefe der Mulden.

Bevor er sein Tagwerk begann und dem Rappen die Sporen gab, gönnte sich der Pater noch einen letzten Blick auf die ferne Höhe des Feldbergs. Tiefblau zog sich der Bergkamm dahin. Ragte mit schneeschimmerndem Schopf gegen einen Himmel, der das Dunkel der Nacht noch nicht hatte abschütteln können. Ein Meistermaler hatte gemalt. „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!“