Ihr eigenes Drama ging weiter in jener Nacht.
Der Melkkübel war polternd zu Boden gefallen. Um Gnade und Hilfe bettelnd, hatte ihr Blick die Augen im rußgeschwärzten Gesicht ihres Mannes gesucht. Dort hatte sie nichts als Grauen und Hass gefunden. Was hatte sie auch erwartet? Andreas hatte alles verloren. Die Mutter, den Hof, die Würde als Bauer. Zwei Kühe waren geblieben, der Rest in den Flammen erstickt. Die Grundmauern hatte die Hitze gesprengt. Ausgerechnet den Brunnenschopf hatte das Feuer verschont. Die Axt, die dort immer noch steckte, bezeugte still Katharinas Versagen. Eine schweigende Anklage. Zeugin der Inquisition. Nicht lange zuvor waren Frauen wie Katharina peinlich befragt und verbrannt worden.
Andreas nahm außer ihr auch den Bartle mit. Es grenzte für sie an ein Wunder. Er hätte sie auch vertreiben, ja selber anklagen können. Aber nichts dergleichen geschah. Stumm wies er sie an, die Kühe in das Geschirr zu legen und an einen Karren zu spannen. Seine Schande in Tryberg verlangte die schleunige Flucht. Wohin auch immer, das war ihr lange nicht klar. Verstört und abwesend lag sie zwischen den wenigen Habseligkeiten. Zu nichts zu gebrauchen. Die verkohlten Balken in der alten Heimat rauchten noch, da trug Andreas ihren Besitz und zuletzt sie in das Heidenschloss. Dort, auf ein paar Strohsäcke gebettet, fand sie einen bleiernen Schlaf.
Der Hof drückte sich winzig an die steinigen, nahezu senkrechten Halden. In Wahrheit handelte es sich um die mickerige Bleibe für Tagelöhner und gehörte dem Kloster St. Peter. Man hatte Andreas barmherzig und anmaßend dieses windschiefe Obdach gewährt, obgleich er keinen Entlassbrief der alten Herrschaft vorweisen konnte. Der Gönner schien froh, einen Dummen gefunden zu haben. Günstige Arbeitskräfte waren willkommen.
Grund und Boden gaben nur wenig her. Von felsigen Flächen zerstückelt, lagen die Wiesen und ein Äckerlein da. Sie wurden durch Rinnsale vom Zweribach her mit Wasser versorgt. Derlei Wasserversorgung sah man mancherorts auf dem Wald. Doch an kaum einem Ort konnte das segnende Nass derart wenig ausrichten. Hier auf diesem Fels, den der Volksmund „Schloss“ getauft hatte.
Zuweilen wirkte, was einst mächtiger Urwald war, wie eine öde und karge Heide. Ein Heidenschloss eben. Nicht weit und man fand den Bettelsitz. Das Gelände hatte keinen anderen Namen verdient. Und so war es denn auch, das Leben der hausenden Menschen, ein armes und dürftiges Dasein.
Katharina mühte sich ab. Ihr oblag die Pflege des Guts. Andreas saß derweil in einer fensterlosen Kammer des Hauses. Im Schein einer Petroleumlampe werkelte er an einer geschundenen Werkbank. Als Schindelmacher und Schnefler fertigte er das Auskommen seiner Sippschaft. Verdient war dabei noch nichts.
Holzschindeln, Hauenstiele, Rechen und Löffel, Kellen, Schöpfer und Holzschuh, die er im Winter fertigte, lagen in einem Leiterkarren, den er selbst und von Hand über den Geißenpfad zog. Mit seinen Waren im Karren, einem Vesper und der Klarinette im Rucksack galt es, zur Kirchweih in St. Peter für sein Handwerk einige Abnehmer zu finden.