Bestrafung

„Was glotzt du denn dem Jakob hinterher wie die Kuh ihrem Fresstrog?“ Das war Franzi, ihre jüngere Schwester, denn Freundinnen hatte sie immer noch keine.

„Ach, was du dir auch immer einreden willst …“, ihre Antwort klang keineswegs überzeugend.

„… gar nichts red‘ ich mir ein. Ich hab’s doch gesehen. Was gibst du mir, dass ich es nicht dem Vater sag‘?!“

Trotzig, mit in die Hüfte gestemmten Armen schaute sie die ältere Schwester herausfordernd an. Mittlerweile hatten sie den äußeren Klosterhof erreicht, der Dorfmittelpunkt, der um diese Zeit aus allen Nähten platzte.

Nur nicht dem Vater begegnen, das war das höchste Gebot. Allerdings sollte der wohl eher noch im inneren Klosterhof stehen, um dem Ausrufer zu lauschen. Der gab nach dem Gottesdienst unter der Dorflinde allerlei Verlautbarungen und Verfügungen der Herrschaft bekannt. Auch heute stand er auf einem gut zwei Fuß hohen Steinmoggen und verlas laut und über das Geflüster hinweg die klösterlichen Bestimmungen.

Ein Kind, zumal in Franzis Alter, langweilte diese Verlautbarungen. Es gab wirklich wichtigeres, als die Nachricht, dass einem die Sau abhanden gekommen war. Irgendwer sollte das Vieh schon finden, nachdem es vollgefressen mit Eicheln nicht wieder nachhause gefunden hatte. Für die Erwachsenen freilich war die Kundgebung eine unschätzbare und unverzichtbare Quelle an Auskünften. Nirgends sonst waren so viele Untertanen aus allen Vogteien an einem Ort versammelt.

Franzi spickelte halbherzig durch die Reihen. Wenn der Vater Geschäfte machte, tat sie gut daran, ihn nicht zu stören. Was soll’s – dann halt nicht.

„Komm, wir schauen den Handwerkern zu!“

Das war zugegebener Maßen kein wirklich großes Versprechen für ein zehnjähriges Maidle, doch Franzi sprang nach kurzem Zögern der Marie hinterdrein. Die bahnte sich so gut es ging einen Weg zur Ladenzeile rechts von der Schmiede. Dort waren Schreinerei und Buchbinderei untergebracht.

„Franzi! Komm weiter, lass doch die …!“ – Franzi strengte sie an. Es war nicht leicht sie für eine Sache dauerhaft zu gewinnen. Ihre Mahnung wurde vom Lärm um Pranger und Trille verschluckt. Jetzt war sie ihr schon wieder entwischt.

Die Halseisen am Pranger beim Dorfbrunnen baumelten schwer und nutzlos herab. Das Geschrei tobte um die eiserne Trille und Marie schob sich durch die Reihen, um die kleine Schwester aus dem Gedränge hervorzuziehen. Sinnlos. Franzi ließ sich von dem Schauspiel einnehmen. Die mahnende Schwester konnte sie mal.

‚Einerlei.‘-, dachte Marie, ‚Dann wird sie das Petzen wieder vergessen.‘ Trotzdem war es ratsam in ihrer Nähe zu sein. Das schmächtige Mädchen konnte gern auch mal unter die Räder kommen. Bis hierher drückte sie sich durch die Menge, fing sich Kopfnüsse und Schimpfwörter ein. Vor den Burschen in der ersten Reihe musste sie kapitulieren. Hier gab es kein Durchkommen mehr.

Das Geschehen ergriff auch sie. Ekelhaft. Dort in der Trille – einem sehr schmal geschnittenen Schandkäfig – stand mit verzweifeltem Blick ein Bursche kaum älter als sie. Schamgebeugt.

Junge Kerle standen johlend davor und drehten die Trille um ihre Achse, so dass der Angeklagte darin immer blasser wurde, bis er sich unter Jubel und Beifall über den eigenen Körper erbrach. Das Drehen des Käfigs hatte sein Ziel erreicht. Allein damit war es noch nicht genug. Der Dorfplatz bot eine ausreichende Zahl an Zubehör, das unter gewöhnlichen Umständen wertlos am Boden lag. Für einen solchen Zweck allerdings eignete sich nichts besser als das. Zur Not nahm man Äpfel. Nur nicht zu hart. Nach geltendem Recht durfte man in der Trille nicht ‚ernsthaften Schaden nehmen‘.

Die ersten Eier trafen den Bub. „Was hat er denn angestellt?“, fragte jemand direkt hinter Marie. „Ist doch gleich. Uns jedenfalls bietet sich ein hübsches Vergnügen.“, meldete irgendwer an. „Fische geklaut hat er, mit einem Kameraden zusammen.“, wusste ein anderer. „In der Polizeiordnung hätte er nachlesen können, welche Strafe auf unerlaubtem angeln droht.“ „Schau ihn doch an. Du glaubst doch nicht, dass dieser Dreckfink lesen kann.“ „Schade nur, dass wir keine Tomaten haben.“ – „Einerlei, wir haben noch ausreichend fauligen Kohl.“

Drehen – werfen, drehen – werfen! Widerlich.